Funkstille – Schutzraum Kontaktabbruch

Funkuhr klein, Von F1jmm - Eigenes Werk • Selbst fotografiert, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3596704
Funkstille (Quelle Wikipedia)

Unter Funkstille versteht man in der Schifffahrt die Einstellung des Funkverkehrs bei allen Funkstellen des Seefunkdienstes. So wird der Empfang von Notsignalen sichergestellt. Im Schiffsfunkverkehr sind dafür viermal stündlich dreiminütige Funkstillen vorgeschrieben.

Der Begriff Funkstille bezeichnet im übertragenen Sinne aber auch  den Zustand, in dem zwei oder mehrere Parteien nicht mehr miteinander reden und Kontakte vermeiden – also ein Synonym für Kontaktabbruch.

Kontaktabbrüche innerhalb von Freundschaften oder Bekanntschaften werden vielleicht als normal angesehen. Aber was ist, wenn der Kontaktabbruch innerhalb von Familien stattfindet?

Besondere Situationen erfordern oft besondere Maßnahmen – ein Kontaktabbruch innerhalb der Familie ist solch eine Ausnahmesituation. Es ist überraschend und auch erschreckend zugleich, in wie vielen Familien in Teilen Funkstille herrscht. Das macht auch die wachsende Anzahl entsprechender Selbsthilfegruppen deutlich.

Jeder Kontaktabbruch hat dabei seine ganz eigene Geschichte. Ich habe noch niemanden kennengelernt, der sich diesen Schritt leicht gemacht hat; und das betraf gleichermaßen Männer und Frauen – also Söhne und Töchter. Bei allen war es der letzte Ausweg, sich aus einem System herauszulösen, um z.B. überhaupt eine Chance zu haben,  die eigene Identität (wieder)zu finden, oder auch als radikaler Schnitt aus Selbstschutz.

Am Ende ist der Kontaktabbruch immer die Schnittstelle einer schwierigen bzw. belasteten Beziehung. Manchmal geschieht er mit einem großen Knall von jetzt auf sofort. Oft ist er ein schleichender, langsamer Entfremdungsprozess, quasi voherfühlbar. Auf jeden Fall ist der plötzliche Bruch ein alarmierendes Zeichen und signalisiert deutlich eine Not, die keine Worte findet.

Immer häufiger wird dieser Schritt von Töchtern vollzogen. Auch wenn ein ganzes Familiensystem betroffen ist – der Kontaktabbruch bezieht sich in der Regel auf die Mutter. Oft als Abgrenzung gegenüber dem vorgelebten Frauenbild, was die Tochter für sich so nicht annehmen kann bzw. will. Oder man hat von einem Familien-Geheimnis, einer Lebenslüge erfahren. Geheimnisse in Familien können sehr destruktive Folgen haben. Das zeigt sich auch immer wieder in systemischen Aufstellungen.

Da steht dann die Mutter oder stehen die Eltern auf der einen Seite, sehen sich als die verlassenen an. Sicher oft verbunden mit emotionalem Schmerz. Aber vielleicht auch in der Verdrängung bekannter Themen, innerer Abwehr; verbunden mit Angst , Scham, Schuldgefühlen. Verlassenwerden ist ein passiver Umstand, man bleibt zurück. Formuliert man das so, bleibt die eigene aktive Beteiligung außen vor. Genau das drückt der Begriff „verlassene Eltern“ aus: Wir sind leidend zurückgeblieben und wissen gar nicht warum.

Auf der anderen Seite steht der- oder diejenige, die z.B. nicht mit Lebenslügen und Geheimnissen leben kann. Deren Weg führt konsequent über die „Aufarbeitung“ dessen, was da ist bzw. dessen, was sich Stück für Stück zeigt. Gerade Töchter lösen auf diesem Weg, aus systemischer Sicht, auch Verstrickungen ihrer Mutter mit.

Es mag oft wirklich nur die einzige Möglichkeit sein, aus der Funkstille heraus in seinen eigenen Prozess einzusteigen. Ganz sicher ist aber, dass der Weg, so losgelöst von den eigenen Wurzeln, mit einer der schwersten ist.

Gibt es einen Weg aus der Funkstille?

Die Frage ist, können verlassene Eltern bzw. Elternteile sich der Frage stellen: Wo und wie bin ich beteiligt?

Eine der größten Herausforderungen liegt dabei sicher darin, sich den eigenen Schatten der Vergangenheit zu stellen. Schwierig deshalb, weil der Kummer, der Schmerz, die Ängste darum gut weggepackt sind und es schwer ist, genau dieses Paket anzugucken und auszupacken.

Tür kleinIn ihrem Buch „Mütter sind auch Menschen  Was Töchter und Mütter voneinander wissen sollten“ stellt sich Claudia Haarmann auch die Frage: Gibt es bei all diesen dramatischen Geschichten eine Lösung?

„Das setzt voraus, dass eine Mutter sehr ernst nimmt, was ihre Tochter sagt. Dass sie die Wahrnehmung, die Erinnerung der Tochter nicht leugnet und zurückweist. Die Mutter kann einen ersten Schritt tun. Sie hat den Schlüssel zur Tür zu einem neuen Miteinander. Den Schlüssel wirklich in die Hand zu nehmen ist schwer. Jedes Gefühl der Mutter, versagt zu haben, jede Rechtfertigung, jedes „Ja, aber …“ wird diesen Schlüssel verbiegen, so dass man das Schloss nicht mehr findet. Steckt der Schlüssel dann ist es ganz einfach, das zu finden, was die Beziehung heilt. Es ist einfach und es ist gleichzeitig sehr schwer, die beiden heilenden Sätze zuzulassen. Sie heißen: „Ja, Kind, es stimmt, das war wirklich schlimm“ und „Es tut mir leid!“ „

„Es tut mir leid!“; ganz ohne jeden einschränkenden Zusatz. Wenn dieser Satz wirklich aus dem Herzen gesprochen wird, kann er die erhoffte Wirkung erzielen. Es bleibt allen Betroffenen zu wünschen, dass irgendwann der Zeitpunkt kommt, wo genau dieser lösende Satz ausgesprochen werden kann.

Sind die Verletzungen, die traumatischen Erlebnisse zu stark, die dem Kontaktabbruch zu Grunde liegen, dann hilft vielleicht auch kein „Es tut mir leid“. Dann braucht es die Kraft zum Loslassen. Sich das zu erlauben ist ein großer Schritt bzw. eher ein Prozess, ein Weg vieler kleinerer Schritte. Schritte die mitunter schmerzvoll aber notwendig sind, um in die eigene Kraft zu kommen und das eigene Leben in innerer Freiheit leben zu können.

Bei dem Blick auf die „verlassenen Eltern“ wird oft vergessen, dass es auch „verlassene Geschwister“ gibt. Geschwister haben ganz oft überhaupt gar nichts mit dem zugrunde liegenden Konflikt zu tun.

In einem Vorbereitungsgespräch für eine Reiki-Ausbildung erzählte mir eine junge Frau auch von ihrer Familie. Da gibt es eine Schwester, die den Kontakt zur kompletten Familie abgebrochen hatte. Sie könne das überhaupt nicht verstehen, da sie selbst im guten Kontakt zu den Eltern steht. „Sicher hat das was mit meiner Mutter zu tun“, vermutete sie. Umso größer Ihr Unverständnis, dass die Schwestern untereinander keinen Kontakt mehr haben.

In diesem Moment ist es mir einmal mehr bewusst geworden, dass auch mein Bruder ganz ähnlich fühlen muss; keinen Kontakt zur Schwester zu haben mit dem Wissen, dass die Ursache in einem Elternkonflikt liegt. Im Prinzip ist das so, als ob man plötzlich tot ist und der andere keine Chance hatte, sich auch nur irgendwie  zu verabschieden.

Ich bin dankbar, dass der „Funkkontakt“ zu meinem Bruder wieder steht. Als ich die ersten Funksignale gesendet habe, war das natürlich auch von einer Angst begleitet. Die Angst,  dass die Funksignale nicht gehört werden oder mit großen Vorwürfen zurückgefunkt wird. Umso schöner war es, mit offenem Herzen wieder ein Stück an die eigenen Wurzeln angebunden zu werden. Wenn sich ein langes Telefonat nach über 7 Jahren so anfühlt, als ob man gerade erst letzte Woche miteinander gesprochen hat, dann ist das wie ein großes Geschenk.

Damit möchte ich vor allen denen ein Stück Hoffnung geben, die sich wünschen, ihre eigene Funkstille wieder aufgeben zu können.

Anke Mehrholz


Funkstille – Kontaktabbruch – (k)ein Weg zurück?

„FUNKSTILLE“ ist ein Beratungsangebot für Jugendliche und Erwachsene, die innerhalb ihrer Familie wieder in Kontakt kommen möchten; egal auf welcher Seite der Brücke sie stehen.

  • Ich bin 52 J und habe eine Schwester (knapp 48 J), mit der ich wirklich über einen sehr, sehr langen Zeitraum immer wieder auf’s Neue versuchte, eine innigere Verbindung zu finden (recht einseitig, meistens war es von meiner Seite aus, obschon Karin wahrscheinlich sagen würde, sie war eher die treibende Kraft hiefür).
    Nach vielen Jahrzehnten komme ich zu dem Schluss, dass es besser ist, mich total von ihr fernzuhalten (auch sie sucht den Kontakt zu mir nicht!).

    Verstehen Sie bitte, ich sehe mich gezwungen, die Verbindung zur Schwester abzubrechen, wenn sich dieser Mensch „alles anmaßt“ (ihre eigenen Worte) und keinerlei oder kaum Interesse daran hat oder zeigt, auf den anderen einzugehen, in welcher Art und Weise auch immer (denn bei jedem Gespräch war nur ihres wichtig, ihre Themen, ihre Anliegen).
    Sich anmaßt, über allen und alles zu stehen!
    Als es ihr bis vor kurzem finanziell ziemlich schlecht ging, war ich gut genug, ihr zu helfen … geändert hat sich nichts …
    Ich hab so oft meine Hand nach ihr ausgestreckt …
    Ob Karin (meine Schwester) versteht, warum ich nix mehr mit ihr zu tun haben will …?
    Ich weiß nicht mal, ob es (noch) von Wichtigkeit ist …
    Auf jeden Fall ist die Situation untragbar und für mich persönlich ist es wirklich an der Zeit, die NOTbremse zu ziehen und es ist mir dann auch egal, um welche Person es sich handelt, da mach ich keinen Unterschied.

    Karin hat nun am 12.03.2018 ihren 48. Geburtstag und meine Mutter sagte, das Zusammensitzen findet in der elterlichen Wohnung statt (bei mir war es nämlich zu Weihnachten 2017 so „unnett“, dabei war es das EHRLICHSTE Familienfest überhaupt!). Es war zu sehen, wie wer von den einzelnen Familienmitgliedern zu den jeweils
    anderen stand. Gefragt wurde niemand, ob es auch so in Ordnung ist für den Rest der Familie und mit dem Beisatz „wer halt möchte“ hat unsere Mutter (Karins und meine) echt den Vogel abgeschossen.
    Ich kann das „ach, wir haben uns doch alle so sehr lieb“ nicht mehr hören bzw. fühlen/spüren müssen, wenn es doch eine Lüge ist, mit der wir alle schon so lange leben (müssen irgendwie) …
    Bin es einfach nur leid … und freue mich, wenn ich das alles – zumindest physisch – hinter mir lassen kann, wenn ich auswandere in ein Land wo ich mich wirklich vertraut und zu Hause fühle.

    Liegt es tatsächlich in der Verantwortung unserer Eltern, wo wir, die Schwester und ich selber doch längst vom Alter her den
    Kinderschuhen entwachsen sind (sein sollten)?

    Es gäbe hiezu noch sehr viel mehr zu sagen, aber dieser Punkt (Schwester und ich) ist momentan der aktuellste.

    Ich gebe auch das Einverständnis, das von mir Geschriebene zu veröffentlichen, wenn es zweckdienlich ist.

    Mit den liebsten Grüßen aus Österreich, der Grünen Steiermark (Hauptstad Graz)

    Andrea Kiefer

  • Liebe Frau Kiefer!
    Herzlichen Dank, dass sie den Beitrag mit so einer großen Offenheit kommentiert haben.

    Der Hauptteil des Textes zeigt sicher, dass ich es befürworte, wenn man sich – vielleicht auch nur vorübergehend – aus Kontakten herauslöst. Insofern kann ich Ihre Gefühle und Ansichten im Zusammenhang mit dem Verhältnis zu Ihrer Schwester und Ihren Eltern gut nachvollziehen.

    Geben und Nehmen brauchen eine Ballance. Das gilt für jede Form von Beziehung.

    Und authentisch zu bleiben, damit auch mal familiäres/ gesellschaftliches Erwartungsdenken zu durchbrechen, halte ich persönlich für eine große Stärke. Leider wird man dafür oft „angegriffen“. Das liegt aber in der Regel daran, dass die anderen nicht den Blick in den Spiegel wagen.

    Als ich den Artikel damals schrieb war ich wirklich sehr euphorisch, nach 7 Jahren, wieder in Kontakt zu meinem Bruder getreten zu sein. Es war einfach ein Stück wieder anbinden an die eigenen Wurzeln. Das komplette Abgeschnittensein von den Wurzeln, macht uns manchmal doch sehr verletzbar. Im Kontakt zu stehen, bedeutet aber auch nicht gleich, dass hier ein dauerhaft aktives Miteinander entstanden ist. Aber das braucht es auch nicht, wenn sich die (Ver)Bindung auch so stimmig anfühlt und von Herzen kommt.

    Am Ende hält das Leben immer wieder wunderbare andere Verbindungen bereit, die einem das Gefühl von Familie und Eingebundensein geben.

    Herzlichst
    Anke Mehrholz

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