DIE SEELE fühlt von Anfang an

„Die Seele fühlt von Anfang an – Wie pränatale Erfahrungen unsere Beziehungsfähigkeit prägen“, ein Buch von Bettina Alberti

seeleAugust 2016, Familienbildungsstätte Coesfeld/ Katholisches Bildungsforum Coesfeld, Fortbildung im Bereich Peripartale Psychische Erkrankungen – im Raum steht ein Büchertisch mit einer großen Literaturauswahl zum Ausbildungsthema, zusammengestellt von Schatten & Licht e.V. / Krise rund um die Geburt – Initiative peripartale psychische Erkrankungen.

Mich hat das Buch „Die Seele fühlt von Anfang an“ von Bettina Alberti ganz besonders angesprochen. Nicht nur, weil mich das Thema persönlich sehr berührt. Vielmehr begegnen mir diese Zusammenhänge auch in der Arbeit bei Geburtsvor- und nachbereitung. Es fordert auch seine Berücksichtigung, wenn sich zur Lebensmitte noch einmal solch ein „Seelenfenster“ öffnet, verbunden mit der großen Chance, alte Verhaltens- und Beziehungsmuster in Frage zu stellen und auch zu verändern.

Mittlerweile setzt sich allmählich das Wissen durch, dass Beziehungsschwierigkeiten und auch Bindungsprobleme ihren Ursprung in der vorgeburtlichen Lebenszeit haben können.
Vom Moment der Zeugung an, kann das Körpergedächtnis des ungeborenen Kindes vorgeburtliche Erfahrungen abspeichern. Das sind zum einen positive Gefühle von Geborgenheit und Verbundenheit. Aber in diesem Lebensraum können auch Empfindungen von Spannung, Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit entstehen. Bereits zu diesem Zeitpunkt hinterlassen störende Einflüsse oder traumatische Erlebnisse tiefe Spuren. Allein das zeigt schon wie wichtig es ist, sich dem Thema zuzuwenden, denn die pränatale Zeit kann die Basis für ein gelungenes Leben werden oder den Anfang seelischer Verstörung darstellen.

Die vorgeburtliche Zeit – ein lebendiger Entwicklungsraum
„Die Gebärmutter ist kein stiller, von allem abgeschirmter Lebensraum. Sie ist ein Lebensraum voller Impulse und vitaler Geschehnisse. Beständige Eindrücke aus dem eigenen Körper und der körperlichen und seelischen Welt der Mutter, bedingt auch Eindrücke aus der Außenwelt, erreichen das vorgeburtliche Kind und fordern zum Reagieren auf. Vielleicht erlebt es dabei Freude und Geborgenheit, vielleicht fühlt es zeitweise Angst und Ablehnung. Vielleicht erfährt es vegetative Sicherheit durch eine gute Versorgung. Dies alles wird Auswirkungen haben auf die Entwicklung einer Seele.“
Bettina Alberti gibt einen sehr umfassenden Einblick in die Zusammenhänge von Physiologie und seelischem Erleben in dieser Zeit. Sie schildert ausführlich die verschiedensten Beziehungs- und Bindungsmuster; von sicherer Bindung bis hin zur emotionell-missbräuchlichen Bindung.

Sie vergisst hier auch nicht die Seite des „pränatalen“ Vaters zu beleuchten, denn auch werdende Väter werden durch das Heranwachsen und die Geburt ihres Kindes an die Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte herangeführt. Wie es werdenden Vätern geht, findet bisher in der Geburtsvorbereitung nur wenig bis gar keine Berücksichtigung. Aber bereits hier besteht ein sehr guter Zeitpunkt für die Prävention von Partnerkonflikten, die sich häufig aus der Entwicklung vom Liebespaar zum Elternpaar ergeben.

Ein großes Anliegen dieses Buches ist es, eine Verbindung zu schaffen zwischen der seelischen Dimension der vorgeburtlichen Lebenszeit, der Bedeutung von Bindung und dem heutigen Wissen um Trauma. Bettina Alberti greift hierbei verschiedene Traumatisierungen auf. Sie zeigt, welche Wirkungen diese in der vorgeburtlichen Zeit haben und wie sie sich auf das spätere (Beziehungs- und Bindungs-) Erleben auswirken.

Ein Beispiel : Ungewollt und doch vom Leben gewünscht – Nahtoderlebnisse und überlebte Abtreibungsversuche
Urheber: chubphong / 123RF Lizenzfreie BilderErst in den 1970-er Jahren gab es in Deutschland die Reform des Abtreibungsrechts. Manche, bis zur Reform geborenen Kinder, tragen die Erfahrung eines überlebten Abtreibungsversuches in sich – eine ganz besondere Form vorgeburtlicher Traumatisierung.

Das Kind ist in dieser Situation einer ganz massiven Todesangst ausgesetzt verbunden mit einem exrem erhöten Spiegel der Stresshormone Cortisol und Adrenalin, der mitunter dauerhaft erhöht bleibt.  „Hier wird auch die Bindungstraumatisierung deutlich: Die Mutter selbst wird zur Quelle des Traumas.“ Hierbei sei aber besonders hervorgehoben: werdende Mütter unternehmen Abtreibungsversuche aus einer eigenen Verzweiflung und Notlage heraus.

Dennoch bleibt diese Erfahrung bei den Kindern als Erinnerungsspur im Körpergedächtnis gespeichert. Wie bei allen Erinnerungen in den ersten 2-3 Lebensjahren bleiben die Spuren ohne Erinnerungsbilder nur als diffuses Gefühl abgespeichert. Gefühle, die als Angst und Hilflosigkeit, aber auch als körperliches diffuses Gefühl von chronischer Anspannung und Überregtheit erlebt werden können. Ein Gefühl, als ob die Sehne eines Bogens überspannt ist und flirrt, wie elektrisiert.
Diesen Kindern fehlt die tiefe emotionale Bindung zur Mutter, es fehlt das Gefühl von Willkommensein.
Aber es gab da eine große (Lebens)Kraft, die diese Kinder am Leben gehalten hat. Sich so in einem höheren Lebensprinzip verankert zu sehen, kann dabei eine Hilfe und Trost sein.

Kinder aus unerwünschten und verleugneten Schwangerschaften brauchen sehr viel Mut, Kraft und einen unbändigen Lebenswillen, um diese Erfahrung der Bindungstraumatisierung verarbeiten zu können. Das kann mitunter ein langwieriger und schmerzlicher Prozess sein; insbesondere dann, wenn das Wissen um die genauen Umstände nicht offen kommuniziert wird.

Natürlich gelingt es heute durch verschiedene Methoden sehr viel besser, diese tiefliegenden, diffusen Erinnerungsspuren aus dem Unterbewusstsein  zu lösen, gerade auch unter Einbindung von körperorientierten Verfahren. Es wäre nur so viel leichter, wenn es gelingen könnte Scham, Schuldgefühle und Angst auf Seiten der Mütter bzw. Eltern zu überwinden, um die innere Wahrheit mit realen Informationen zu vervollständigen. Am Ende kann darin auch für die betroffenen Mütter eine große Chance bestehen, das oft fest gehütete Geheimnis preiszugeben und damit zusammenhängende Schuldgefühle verarbeiten zu können.

Ein Weg entsteht, wenn man ihn geht
Urheber: <a href='http://de.123rf.com/profile_linux87'>linux87 / 123RF Lizenzfreie Bilder</a>Ja, so ein Prozess kann langwierig sein und etappenweise auch schmerzlich und sehr anstrengend. Dabei geht es aber gerade darum, seinen Lebensboden wieder schwingungsfähig zu machen, auf herausfordende Situationen oder auch Auseinandersetzung mit dem Erkennen belastender Erfahrungen aus seiner eigentlichen Kraft heraus reagieren zu können.

Der gleiche Weg führt in eine tiefe Authentizität, zu Stärke, Selbstwert und in eine große Lebensfreude.

Genau darauf können dann die neuen Bindungserfahrungen bauen. „Dies braucht die Bereitschaft, genügend Zeit und Raum zu geben, um dem ganz eigenen Rhythmus darin folgen zu können. – Mann kann einen Fluss nicht antreiben – dieser Satz von Laotse gilt auch für den Fluss der Seele.“

Die Notwendigkeit früher Hilfen
16007627 - abstract silhouette of the child with parentsDas zunehmende Wissen um die Möglichkeit von Traumatisierung in der vorgeburtlichen Zeit mit all den bekannten Folgen zeigt, wie wichtig das Angebot früher Hilfen ist. Die pränatale Prävention hilft, die seelische Gesundheit der Kinder aber auch der Erwachsenen zu sichern; eine gesellschaftsrelevante Aufgabe.

„Die Befindlichkeit der Eltern und ihre Beziehung zu ihrem Kind ist für den Präventionsgedanken ein besonders wichtiger Aspekt. Je haltloser und uneingebundener Eltern sich selbst fühlen, desto schwieriger wird es für sie sein, ihrem Kind einen emotionalen Raum zu schaffen, in dem seine Bindungsbedürfnisse befriedigt werden und in dem in der Folge ein guter innerer Boden für Selbstvertrauen, Sicherheit und Wohlbefinden entsteht.“

Das Wissen um die Erinnerungsspuren im Körpergedächtnis zeigt aber auch, dass es notwendig ist unser System der Psychotherapie zu reformieren und qualifizierte körperorientierte Verfahren besser, offener zugänglich zu machen.

Ich empfehle dieses Buch von ganzem Herzen. Es ist dabei nicht nur für Leser aus dem psychotherapeutischen Bereich lesenswert. Bettina Alberti hat es geschafft, dieses emotional tief gehende Thema gut verständlich zu schreiben; ergänzt durch viele Fallbeispiele.

Anke Mehrholz


Hilfsangebote finden Sie bei: Schatten und Licht e.V.

Mehr über Bettina Alberti können Sie hier lesen: Berührt sein – Bewusst werden

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