Der Lilith Komplex – Liebesfrust statt Liebeslust

Lilith

Der Überlieferung nach schuf Gott Lilith, die erste Frau, auf die gleiche Art, wie er Adam erschaffen hat. Adam und Lilith fanden aber partnerschaftlich keine Ebene, da Lilith nicht bereit war, sich Adam zu unterwerfen. Sie begründete ihren Anspruch auf Gleichwertigkeit darauf, dass sie beide aus gleicher Erde erschaffen worden sind. Symbol ihres stolzen und selbstbewussten Auftretens ist die Überlieferung, dass Lilith sich weigerte, beim Sexualakt in der „Missionarsstellung“ unter Adam zu liegen. Sie wollte das Liebesspiel aktiv mitbestimmen. Diese Verweigerung hat Adam verunsichert und wütend gemacht. Der Streit darüber fand sein Ende in der Flucht Liliths aus dem Paradies. Genau hieraus entstand das Bild der Lilith als wollüstiges Weib und später auch als Schutzgöttin der Prostitution, Dämonin der Onanie und Verführerin zur verbotenen Lust. Die fehlende Unterwerfungsbereitschaft und die Flucht aus dem Paradies werden, der Überlieferung nach, durch Gott hart bestraft. Ewiges Gebären von zum Sterben verurteilten dämonischen Kindern und grausame Kindsmörderin zu sein, ist die Strafe. Lilith ist verdammt dazu, an den unwirtlichsten Plätzen der Erde bei den wilden Tieren zu hausen.

Lilith, als erster Versuch, wird nahezu aus der Bibel verbannt.

Eva

Adam klagte nach Liliths Flucht, er wolle nicht alleine bleiben. Gott erbarmte sich und schuf Eva aus einer Rippe Adams. Damit ist Eva also nicht zur Gleichberechtigung, sondern zur Unterwerfung bestimmt. So hätte auf ewig ein patriarchaler Frieden im Paradies herrschen können, wenn nicht die Schlange die Verführung und damit Ungehorsam und Konflikt wieder aktiviert hätte. Die Schlange wird in dieser Gestalt auch als symbolisierte Lilith gesehen.

Gemälde von John Collier

Lilith und Eva

Diese beiden mythischen Frauenfiguren verkörpern Prinzipien des Weiblichen, die bis heute noch nicht versöhnt sind. Eva, der aufopferungsbereiten Frau und Mutter, steht die vom Patriarchat dämonisierte Lilith gegenüber, sexuell selbstbestimmt und unabhängig. „Das ist die Ursache für ein verlogenes Bild von Mütterlichkeit mitsamt seinen negativen Auswirkungen für unsere Gesellschaft: Lebensgemeinschaften zerbrechen immer häufiger, Frauen erleben sich in der Rolle als Mutter um wesentliche Teile ihrer Weiblichkeit betrogen … . In vielen Beziehungsstörungen Erwachsener spiegelt sich eine grundsätzliche Störung des Mutter-Kind-Verhältnisses wider, Resultat eines Bildes von Mütterlichkeit, das von der Gestalt der ihre eigenen Bedürfnisse unterordnenden und aufopferungsbereiten Eva geprägt ist und der Realität heute nicht mehr entspricht. Der Lilith-Komplex, also die Tabuisierung dieses Aspektes und die daraus resultierende Schuld, ist kulturell tief verankert, wird in der frühen Mutter-Kind-Beziehung reaktiviert und damit weitergetragen.“ so Hans-Joachim Maaz in seinem Buch „Der Lilith Komplex – die dunklen Seiten der Mütterlichkeit“. Maaz greift dieses Thema sehr strukturiert und mit großer Tiefe auf. Er analysiert die unterschiedlichen Formen von Störungen der Mütterlichkeit, von Müttervergiftung, Muttermangel bishin zur Mutterverwöhnung und die Kind-Mutter. Für alle Bereiche werden zudem die entsprechenden Folgen aufgezeigt. Er geht darüberhinaus auch auf den Lilithkomplex im Mann ein. Maaz thematisiert weiter auch die neurotische Gesellschaft (lesenswert auch: „Die narzistische Gesellschaft – Ein Psychogramm“).

Gedankenimpuls aus der Praxis

Liebe ist ein absolutes Grundbedürfnis des Menschen. Dieses Bedürfnis hat zwei Seiten: den Wunsch, geliebt zu werden und das Bedürfnis, lieben zu können. Dieses Bedürfnis bringt jeder von uns mit auf die Welt. Die Entwicklung der beiden Seiten der Liebe hingegen ist abhängig von den frühen Beziehungserfahrungen. So verwundert es natürlich nicht, dass das Thema Partnerschaft bzw. der Wunsch nach einer solchen oft bei der Begleitung von Wachstums- und Veränderungsprozessen zum Tragen kommt.

Knüpfe ich hier einmal an das Buch von Maaz an, so spielt das Thema Muttermangel oft eine sehr große Rolle. Das mag sicher auch an der entsprechenden Resonanz von meiner Seite aus liegen.

Eine Mutter steht für die eigentliche Daseinsberechtigung, für Annahme, Bestätigung, für tiefe Geborgenheit, Schutz und Sicherheit, für Nahrung und Versorgung. Ein Zuwenig an Mutter hinterlässt zwangsläufig ein bedürftiges Kind. „Der Körper braucht Nahrung, die Seele braucht Liebe, der ganze Mensch braucht Kontakt. Erlittener Mangel kann nicht nachträglich aufgefüllt werden.“ (Maaz) Der Muttermangel hat dabei ganz verschiedene Ursachen, z.B. mangelnde Anwesenheit oder auch viel zu geringe emotionale Präsenz. Darüber hinaus kann die Mutter auch selbst zur Gefahr werden. In bestimmten Altersgruppen gibt es eine Häufung von überlebten Abtreibungsversuchen. Aber auch emotionaler und körperlicher Missbrauch können von einer Mutter ausgehen.

Das Hauptthema in all diesen Fällen ist Verlassenheit!

In den frühen Jahren ist das mit einer tödlichen Bedrohung verbunden. Paradoxer Weise führt die notwendige Abspaltung dieser Erfahrung zu einem späteren Wiederholungszwang, immer wieder verlassen zu werden und allein zu bleiben. „Je näher und verbindlicher eine Beziehung zu werden droht, desto mehr muß Energie für Ablehnung, Enttäuschung und Distanzierung aufgebracht werden.“ (Maaz) In der Folge wird man immer wieder verlassen und wiederholt damit das Urtrauma in abgeschwächter Form; mit dem Unterschied, dass jetzt Panik und Schmerz verkraftbar sind. „Der davon Betroffene weiß in aller Regel nicht, daß er dafür sorgt, verlassen zu werden, weil er den Verlassenden als Bösewicht braucht, gegen den man wüten kann, um die schon längst vorhandene, aber viel bedrohlichere innere Verlassenheit nicht erleiden zu müssen.“ (Maaz) Oder man geht Beziehungen ein und wenn diese verbindlicher zu werden „drohen“ verlässt man selbst den Partner/ die Partnerin. Ein anderes Bild zeigt sich auch bei denjenigen, die trotz Wunsch nach einer Partnerschaft, dem bereits im Vorfeld zu entfliehen scheinen.

Es wirkt fast wie ein undurchdringlicher Kreislauf. Auf der einen Seite der Wunsch nach einer Partnerschaft auf Augenhöhe, die einfach auch mal andere Formen von Zusammenleben braucht. Auf der anderen Seite steht das Erfahrungserleben, dass von Frauen, die auch ihren Lilithanteil integriert haben, um einmal beim Einstiegsimpuls zu bleiben, scheinbar eine gefühlte Gefahr ausgeht, die ein in Kontaktkommen verhindert.

Sich dem Lauf der Dinge anvertrauend, hatte eine Frau bei einem Kennenlernwochenende selbstbestimmt einen Raum mit geschaffen, bei dem alle Möglichkeiten offen waren. Es kann davon ausgegangen werden, dass der Mann in diesem Fall auch voll darauf eingestellt war. Aus seiner Sicht macht SIE jetzt aber den entscheidenden Fehler und entscheidet sich für die „Alternative mit dem Wein auf dem Zimmer“.

Natürlich haben sich beide von ihrer Lust treiben lassen, was ER keinesfalls schlecht fand, ganz im Gegenteil, es sogar als normales Bedürfnis angesehen hat. ER fand es schön und dennoch FALSCH. Was folgte war ein sehr einseitiges, unreflektiertes Abdrängen des Kontaktes zu dieser Frau.

Es scheint fast so zu sein, als ob der Lilithkomplex noch immer aktiv ist.

Partnerschaft auf Augenhöhe

Auf Augenhöhe zu kommunizieren bedeutet zum einen, selbstbewusst die eigenen Interessen zu vertreten und zum anderen, offen für konstruktive Ergebnisse zu sein.

Es braucht Klarheit darüber, was man will. Und es erfordert die Bereitschaft, das Bild, das man sich von einem Partner oder Partnerin gemacht hat, auch wieder zu verändern. Im Grunde muss man offen sein dafür, den anderen so zu sehen, wie er wirklich ist und nicht wie man ihn sich denken oder glauben möchte, wie er ist oder zu sein hat.  Begegnung auf Augenhöhe ist die Voraussetzung, um etwas Gemeinsames zu schaffen. Das soll keinesfalls heißen, dass alles nur gemeinsam gemacht wird oder beide Partner gleich denken sollen. Ganz im Gegenteil.

Ebenbürtigkeit, Wertschätzung, Empathie und Respekt gehören genauso in eine solche Partnerschaft, wie auch Autonomie. Sie respektiert die Unterschiede und hebt dennoch die Gleichheit auf sozialer Ebene hervor. Man versucht sich gegenseitig zu verstehen. Das macht es notwendig, sich von den eigenen Bewertungen zu lösen und Vorurteile beiseite zu lassen. Erst dadurch wird es möglich, sich für die Sichtweise des anderen zu öffnen, ohne dass man dafür den eigenen Standpunkt aufgeben muss. So können dann beide Standpunkte gleichberechtigt nebeneinander stehen.

„Das Einzige, was zählt, ist die Liebe“ Jörg Andrees Elten, Satyananda

Anke Mehrholz